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Nasenspraysucht

von Dr. Richard Kirchmair

Wenn man sich über Suchterkrankungen Gedanken macht, denkt man primär an Drogen-, Zigaretten-, Alkohol-, Spiel-, Mager- und heutzutage wohl auch an Internetsucht. Hätten Sie aber gedacht, dass in Deutschland über 100.000 Menschen an einer Nasenspraysucht leiden und die Dunkelziffer wahrscheinlich noch höher liegen dürfte?

Nasenspraysucht - HNO-Privatpraxis Augsburg Dr. Richard Kirchmair

Endlich wieder frei atmen

Jeder wird zustimmen, dass ein abschwellendes Nasenspray bei starken Infekten fast schon einem Heilsbringer gleichkommt, der uns schnell wieder zu einem freien Atem verhilft. Alles auch vollkommen in Ordnung und der Genesung sicher dienlich, dadurch erholsam schlafen zu können, problematisch wird es nur dann, wenn die Dosierung nicht eingehalten wird und das Nasenspray länger als eine Woche angewandt wird.

Was ist passiert?

Die Schleimhäute gewöhnen sich mit der Zeit an die Stimulation der Rezeptoren durch die Wirkstoffe wie Xylometazolin. Die Folge ist, dass die Schleimhäute bei der Gabe des Präparats zwar erst einmal abschwellen, um dann aber erneut anzuschwellen (Rebound-Effekt). Der Körper lernt, dass das Spray seine Aufgabe übernimmt und die Schleimhaut bildet sich nicht mehr von allein zurück. Die Nase bleibt verstopft. Der Patient greift erneut zum Nasenspray und der Mechanismus setzt sich fort. Eine tatsächlich körperliche Abhängigkeit ist entstanden.

Gesundheitliche Konsequenzen

Dauerhafter Nasenspraykonsum kann weitreichende Folgen haben. Angefangen von Nasenbluten und Verkrustungen, über chronische Entzündungen und Schädigungen der Schleimhaut, verminderte Durchblutung, Wegfall der Selbstreinigungsfunktion der Nase, erhöhten Keimbefall und Löchern in der Nasenscheidewand durch Abbau des Knorpels, bis hin zur sogenannten „Stinknase“ (Ozäna). Im letzten Fall ist die Nasenschleimhaut derart geschädigt, dass sich dauerhaft Bakterien auf den trockenen Krusten ansiedeln und sich ein fauler, sehr unangenehmer Geruch bildet, was man als Betroffener, aber auch als Außenstehender deutlich wahrnimmt.

Die Sucht überwinden

Seien Sie achtsam zu sich selbst und konsultieren bei ersten Anzeichen einer Nasenspraysucht Ihren HNO. Merken Sie beispielsweise, dass Sie ohne Nasenspray nicht einschlafen können, dass die Schleimhaut ohne sonstige Erkältungssymptome nicht mehr von alleine abschwillt, ist ärztlicher Rat vonnöten. Die Sucht kann auf mehrere Arten überwunden werden:

  • „Kalter Entzug“: Das Spray wird komplett weggelassen. Die Rückfallrate ist hier relativ hoch und neben den körperlichen Beschwerden wird auch die Psyche maximal gefordert.
  • Entwöhnung:
    • mit Hilfe von Cortisonsprays im Wechsel mit dem bisher verwendeten Präparat
    • mit geringer dosierten Kindernasensprays
    • mit Kochsalzlösungen: Diese werden, sobald das „Suchtspray“ zur Hälfte verbraucht ist, mit diesem vermischt. Ist von dieser Lösung ebenfalls die Hälfte verbraucht, wird die Mischung wieder mit Kochsalz aufgefüllt, solange bis am Ende nur noch Kochsalz verwendet wird
  • „Ein-Loch-Therapie“: Das Spray wird nur noch in ein Nasenloch gesprüht, wodurch das andere vom Wirkstoff entwöhnt wird. Dies erfordert sehr viel Geduld. Gerade das Gefühl, dass die Nase während der Entwöhnung dauerhaft verstopft wirkt, ist für Erkrankte schwer aushaltbar. Das Atmen ist aber durch die eine Seite mit Präparat immer gewährleistet.

Zum Abschluss noch einmal der Appell, sich helfen zu lassen! SuchtERKRANKUNGEN haben ihren Namen absolut berechtigt und der Gang zum Arzt ist der erste Schritt zu einem Rückgewinn an Lebensqualität!

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